Mangelernährung im Krankenhaus: Welche Ernährungsmaßnahmen helfen älteren Patient:innen?
Mangelernährung ist ein unterschätztes Gesundheitsproblem – auch in Deutschland. Ein neuer Cochrane Review hat untersucht, ob gezielte orale Ernährungsmaßnahmen älteren Menschen helfen, die von Mangelernährung bedroht oder bereits mangelernährt sind und wegen einer Verletzung oder Erkrankung ins Krankenhaus aufgenommen wurden. Das Ergebnis: Spezielle Trinknahrung „für besondere medizinische Zwecke“ statt der Standardversorgung senkt möglicherweise das Sterberisiko und das Risiko für schwerwiegende Komplikationen innerhalb von einem Monat bzw. bis zur Entlassung. Für die anderen untersuchten Ernährungsansätze – etwa zusätzliche Eiweißgabe oder individuelle Hilfe beim Essen – zeigten sich keine klaren Unterschiede zur Standardversorgung oder die Datenlage war zu schlecht, um belastbare Aussagen ableiten zu können.
Herausforderungen bei Ernährungsstudien mit älteren Patient:innen
„Diese unsichere Datenlage hängt unter anderem damit zusammen, dass es anspruchsvoll und herausfordernd ist, hochwertige Ernährungsstudien mit älteren Menschen mit Mangelernährung im Krankenhaus durchzuführen – auch, weil diese Patient:innengruppe häufig an mehreren Erkrankungen gleichzeitig leidet und zusätzlich körperliche Einschränkungen hat“, erläutert die Ernährungswissenschaftlerin PD Dr. Eva Kiesswetter. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Evidenz in der Medizin am Universitätsklinikum Freiburg und Erstautorin des Reviews, der vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt finanziert worden ist.
„Schon vor einem Krankenhausaufenthalt kann es zahlreiche Gründe dafür geben, warum ältere Menschen zu wenig essen: nachlassender Appetit beispielsweise, Magen-Darm-Beschwerden, Probleme beim Kauen oder Schlucken oder Schwierigkeiten dabei, sich Essen zuzubereiten.“ Während einer akuten Erkrankung könne sich der Ernährungszustand dann weiter verschlechtern, etwa wenn der Energie- und Nährstoffbedarf steigt oder Nährstoffe schlechter aufgenommen würden. „Wir wollten mit unserer Netzwerk-Metaanalyse mehrere orale Ernährungsinterventionen sowohl miteinander als auch mit der Standardversorgung vergleichen, um abzuschätzen, welche Maßnahmen bei den besonders vulnerablen älteren Patient:innen im Krankenhaus insgesamt am besten abschneiden“, so Dr. Kiesswetter.
21 Studien eingeschlossen
Die Cochrane-Autor:innen um Dr. Kiesswetter haben insgesamt 21 Studien zu verschiedenen Ernährungsinterventionen in ihre Übersichtsarbeit eingeschlossen. Dabei ging es immer um die Nahrungsaufnahme über den Mund – also nicht um Magensonden oder Infusionen. Insgesamt wurden dabei die Daten von 3.309 älteren Krankenhauspatient:innen (mittleres Alter: 75 bis 85 Jahre) mit unterschiedlichen akuten Erkrankungen ausgewertet, etwa Hüftfrakturen oder internistische Erkrankungen. Nicht untersucht wurden Patient:innen mit Krebs oder nach einem Schlaganfall sowie dialysepflichtige Menschen und Patient:innen auf der Intensivstation.
Fünf verschiedene Ernährungsinterventionen im Test
Die Studien verglichen folgende Ernährungsmaßnahmen meist mit der Standardversorgung im Krankenhaus:
Speziell zusammengesetzte medizinische Ernährungsprodukte in flüssiger oder fester Form (rechtlich als „Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke“ definiert). In den meisten Studien wurde spezielle Trinknahrung eingesetzt. Diese Nahrung ist über Apotheken und teils im Sanitätsfachhandel erhältlich und wird – sofern sie ärztlich verordnet ist – von den Krankenkassen finanziert. Es gibt sie in unterschiedlichen Zusammensetzungen, etwa besonders eiweiß- und kalorienreich und so zusammengesetzt, dass sie den Körper bei medizinisch bedingtem Bedarf vollständig oder ergänzend mit den nötigen Nährstoffen versorgt. Sie ist für Patient:innen gedacht, deren Energie- und Nährstoffbedarf mit normaler Ernährung nicht gedeckt werden kann.
Eiweißreiche Zusatzprodukte oder eiweißangereicherte Speisen
Kalorienreiche Ergänzungsprodukte
Individuelle Unterstützung bei den Mahlzeiten, etwa durch geschulte Hilfskräfte im Bereich Pflege oder Ernährung
Individuell ausgearbeitete Ernährungstherapie mit mehreren Bausteinen, zum Beispiel Hilfe durch Fachkräfte wie Diätassistent:innen
Kriterien für Mangelernährung im Review
Im Review galten Senior:innen als mangelernährt bzw. davon bedroht, wenn sie nach anerkannten Screeningverfahren oder anhand von Merkmalen wie niedrigem BMI, ungewolltem Gewichtsverlust in den letzten drei Monaten oder unzureichender Nahrungsaufnahme in der Vorwoche als mangelernährt oder gefährdet eingestuft wurden.
Senkung von Sterblichkeit und Komplikationen
Im Vergleich zur üblichen Krankenhausversorgung senkt die spezielle Trinknahrung „für besondere medizinische Zwecke“ möglicherweise das Sterberisiko bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus bzw. innerhalb eines Monats nach Behandlungsbeginn: Mit der Standardversorgung starben 106 pro 1.000 Studienteilnehmer:innen, mit Trinknahrung hingegen waren es möglicherweise 57 weniger (drei Studien mit 910 Teilnehmenden, Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: gering).
Auch schwere Komplikationen – etwa lebensbedrohliche Ereignisse – kommen bei Menschen, die mit spezieller Trinknahrung versorgt werden, möglicherweise seltener vor als bei Menschen mit Standardversorgung: Pro 1.000 Studienteilnehmer:innen mit herkömmlicher Versorgung kam es zu 192 Fällen, unter 1.000 Teilnehmer:innen mit Trinknahrung waren es möglicherweise 84 Fälle weniger (fünf Studien mit 465 Teilnehmenden, Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: gering).
Keine klaren Unterschiede bei anderen Endpunkten
Für die anderen untersuchten Aspekte – beispielsweise Lebensqualität, Dauer des Krankenhausaufenthalts, Körpergewicht und Selbstständigkeit bei Alltagsaktivitäten wie etwa Ankleiden – sowie für die anderen untersuchten Ernährungsmaßnahmen zeigte sich beim Vergleich zur Standardversorgung meist kein klarer Unterschied oder die Evidenz war so unsicher, dass sich daraus keine verlässlichen Schlussfolgerungen ziehen lassen.
Unzureichende Evidenz für Vergleiche zwischen Maßnahmen
Beim Vergleich der verschiedenen Formen der Ernährungsunterstützung untereinander wurde klar: Es gibt bisher nicht genügend Evidenz, um zu sagen, dass eine Form der Ernährungsunterstützung den anderen überlegen ist. „Leider basieren die Vergleiche der Netzwerk-Metaanalysen häufig auf wenigen Studien und wenigen Teilnehmenden. Zudem haben wir nur zwei Studien gefunden und ausgewertet, die unterschiedliche Interventionen direkt miteinander verglichen. Weil die Datenlage zu dünn ist, lassen sich so gut wie keine belastbaren Vergleiche zwischen den verschiedenen Ernährungsmaßnahmen ziehen. Das heißt: Wir können nicht sicher sagen, ob eine Maßnahme besser oder schlechter wirkt als eine andere. Das zeigt, wie wichtig weitere Forschung ist, um ältere Menschen mit drohender oder bereits bestehender Mangelernährung im Krankenhaus bestmöglich versorgen zu können“, so Dr. Kiesswetter.
Quelle:Cochrane Deutschland
Literatur:
- (1)
E Kiesswetter et al. (2026) Oral nutritional interventions in hospitalised older people at nutritional risk: a network meta‐analysis of individual participant data. Cochrane Database of Systematic Reviews 2026, DOI: 10.1002/14651858.CD015468.pub2