Journal Hämatologie
Gesundheitspolitik

Verantwortung des Bundes stärken

Auf diese Weise solle ab einem bestimmten Ausbruchsgeschehen die Pandemiebekämpfung verbessert und das Gerechtigkeitsempfinden der Bürger:innen gestärkt werden, sagte Braun. Dies kann nach seiner Ansicht in einem künftigen Pandemiefall dafür sorgen, dass getroffene Maßnahmen von der Bevölkerung besser „verstanden und akzeptiert“ werden. 

Der Narkosearzt aus Hessen war als Kanzleramtsminister im Kabinett der damaligen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) federführend am Corona-Krisenmanagement des Bundes beteiligt, bis die Regierung 2021 von der Ampel-Koalition abgelöst wurde. Wichtige Entscheidungen wurden damals in Spitzenrunden von Bund und Ländern getroffen.

„Massive Notlage“

Mit Blick auf „die massive Notlage“ bei Schutzmasken und -ausrüstung zu Pandemiebeginn sprach sich Braun zudem für mehr Vorsorge aus. Inzwischen hätten verschiedene Bundesländer die Leistungserbringer, also etwa Krankenhäuser, verpflichtet, Vorsorge für ihren eigenen Bedarf zu decken. Dies reiche aber nicht aus, um im Pandemiefall den Bedarf in der Bevölkerung insgesamt zu decken. „Ich glaube, dass das System insgesamt mit überschaubaren Kosten in der Lage wäre, eine stärkere Pufferfunktion wahrzunehmen.“

Zu Beginn der Pandemie habe man beruhigt denken können, Deutschland sei wegen vorhandener Pandemieplänen gut vorbereitet. Dann „stellt man fest, dass mancher Pandemieplan den Namen nicht wirklich verdient“, da er nur für kleinräumiges Geschehen passend gewesen sei. Braun: „Das ist etwas, was nachbearbeitet werden muss.“

„Viele Unsicherheiten“

Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lars Schaade, erinnerte an die „vielen Unsicherheiten“ zu Pandemiebeginn. Zunächst sei der Erreger noch unbekannt gewesen. Bevor es 2021 auf breiter Basis Impfungen gegeben habe, seien die „einzig verfügbaren Maßnahmen“ zur Eindämmung des Virus verschiedene Schutzvorkehrungen gewesen. Kritiker:innen des damaligen Anti-Corona-Kurses von Bund und Ländern nehmen vor allem am Umfang dieser Maßnahmen Anstoß. Hiergeht es um Maskenpflichten, Abstandsregeln, Kontaktbeschränkungen, Schulschließungen und Hygienevorschriften. 

Braun verteidigte diese teils umstrittenen Schritte unter den damaligen Umständen als „angemessen und verantwortungsvoll“. In derWissenschaft werden diese Maßnahmen NPIs genannt (non-pharmaceutical Interventions, also nicht-pharmazeutische Interventionen). „NPIs können Leben schützen, sie können aber auch Schaden verursachen“, stellte die Münchener Professorin für öffentliche Gesundheit, Eva Annette Rehfuess, fest.

Expertin fordert mehr Forschung

Nötig ist nach Ansicht der Expertin mehr Forschung zu solchen Maßnahmen. „Auch in einer nächsten Pandemie werden NPIs zum Einsatz kommen“, stellte Rehfuess klar. „Für einen möglichst evidenzbasierten Umgang mit NPIs müssen wir uns jetzt möglichst gut rüsten.“ Nur bedingt sinnvoll sei es, „rückblickend nach der Wirksamkeit einzelner Maßnahmen in bestimmten Situationen zu fragen“. Dies ließen vorliegende Studien nicht zu, sagte Rehfuess. Vor allem würden die einzelnen Maßnahmen aber am besten gebündelt wirken. Die Sachverständige plädierte dafür, Studien hierzu für die Zukunft vorzubereiten. Vorbild könne Norwegen sein, wo ein Zentrum für Interventionsforschung bei Epidemien gegründet worden sei.

Quelle:

dpa