Warum junge Stammzellspender die besten Chancen bieten
Prof. Dr. Johannes Schetelig und Antje Blum„Junge Spenderinnen und Spender stellen eine Riesenchance dar für Menschen, die eine Stammzelltransplantation brauchen“, so fasst Prof. Dr. Johannes Schetelig die Kernbotschaft der aktuellen Forschung zusammen. In dieser Podcastfolge von O-Ton Onkologie spricht der Leiter der Abteilung für Stammzelltransplantation am Universitätsklinikum Dresden und Direktor für klinische Forschung bei der DKMS über neue Studienergebnisse zum Spenderalter, optimale Spenderauswahl und die menschliche Dimension dieser lebensrettenden Therapie. Ergänzt wird das Gespräch durch Berichte einer jungen Spenderin und einer Stammzellempfängerin.
Die allogene Stammzelltransplantation (alloSCT) ist für viele Patient:innen mit Leukämien und anderen Bluterkrankungen die einzige kurative Option. Lange galt ein passendes Geschwister als die beste Spenderoption. Eine retrospektive Registerstudie, die Prof. Schetelig auf dem DGHO 2025 vorstellte, ändert nun grundlegend die Perspektive – zumindest für Ältere: Die Studie wertete Daten von knapp 3.500 Patient:innen über 50 Jahren aus, die in Deutschland transplantiert wurden.
Patient:innen, die Stammzellen von jungen, nicht verwandten Spendern unter 35 Jahren erhielten, hatten bessere Überlebenschancen und geringere Rückfallraten als Patient:innen, die Zellen von ihren (meist gleichaltrigen) Geschwistern bekamen. Der Effekt des jüngeren Spenderalters übertraf also den traditionellen Vorteil einer hohen Passgenauigkeit zwischen Geschwistern. Diese Erkenntnis wird die klinische Praxis verändern, indem für ältere Patient:innen nun bevorzugt nach jungen, nicht verwandten Spendern gesucht wird, selbst wenn ein passendes Geschwister zur Verfügung steht.
„In der HAMLET-Studie haben uns mit der Frage beschäftigt, wie Patient:innen, die keinen passenden Verwandten oder nicht verwandten Spender haben, am besten versorgt werden sollen. Soll man in dieser Situation auf einen zur Hälfte passenden Familienangehörigen ausweichen?“ Die Studie zeigt: Wenn kein vollständig passender Spender vorhanden ist, sind haploidente und Mismatch-Transplantationen gleichwertige Optionen – ein wichtiger Fortschritt für Patient:innen ohne perfektes Match. Die Erkenntnisse könnten die klinische Praxis beeinflussen, wo derzeit HLA-identische Geschwisterspender unabhängig vom Alter oft gegenüber Fremdspendern bevorzugt werden. Weitere Studien sind erforderlich, um die zugrunde liegende Biologie und Unterschiede in der Immunrekonstitution zu verstehen. „Auf der Grundlage der Studienergebnisse, die wir derzeit überblicken, können wir sagen, dass die verschiedenen Optionen keine großen Unterschiede mit Blick auf die Transplantationserfolge liefern. Alle Optionen kommen letztendlich in Betracht. Es ist aber nach wie vor so, dass die besten Ergebnisse im Kontext der kompatiblen Transplantation erreicht werden", so Schetelig.
Die Graft-versus-Host-Disease (GvHD) ist die zentrale Komplikation nach alloSCT. Die überraschende Beobachtung der neuen Studienergebnisse: Patient:innen mit jungen, nicht verwandten Spendern hatten weniger chronische GvHD als solche mit älteren Geschwisterspendern. Dies könnte an der verbesserten GvHD-Prophylaxe bei nicht verwandten Transplantationen liegen, die bei Verwandten möglicherweise weniger intensiv angewendet wird, vermutet Schetelig. Weltweit vermittelte die DKMS im Jahr 2025 fast 10.000 Stammzellspenden – ein Meilenstein, der zeigt, wie viele Menschen bereit sind zu helfen. Spenderin Zeljana hat ihr persönliches Fazit gezogen: „Die Nebenerscheinungen waren minimal, und das positive, emotionale Gefühl ist immens."
Literatur:
- (1)
Schetelig J, et al. Leukemia 2025; 39(10):2523-2532. doi: 10.1038/s41375-025-02724-1.
- (2)
HAMLET-Studie, DGHO 2025, P492.